Deutsche Einwanderung im Mittleren Westen
Die tatsächliche Bedeutung der deutschen Einwanderung in den Mittleren Westen – und in die USA überhaupt – scheint in einen merkwürdigen Gegensatz zu ihrer öffentlichen Wahrnehmung zu geraten. So fragt der Chicagoer Ethnologe Melvin G. Holli: ‚Warum sind die Deutschen nicht einmal im Windschatten des öffentlichen Bewusstseins als ethnische Gruppe sichtbar?’ (S. 94)

Wie immer die Antwort ausfallen wird, die Deutsch-Amerikanische Präsenz dieser Region war historisch einmal allgegenwärtig und lässt sich in Chicago am Besten anekdotenhaft illustrieren.

Jede Geschichte Chicagos wird in die Zeit davor und danach eingeteilt. Das trennende Ereignis ist The Great Fire von 1871, das Ende und Neuanfang gleichzeitig bewirkte, ungeachtet der Frage, ob die Legendenbildung um die Kuh der irischen Bäuerin O’Leary nun hatte oder nicht …
Eine wenig bekannte Episode spielte sich während dieser Tragödie ab und demonstriert die Präsenz (und Geistesgegenwart!) deutscher Immigranten in dieser Zeit. Es ist die Geschichte des deutschen Ingenieurs Trautmann, dessen Umsicht die Erhaltung der Chicago Water Towers zuzuschreiben ist: Die Water Towers wurden 1869 in neu-gothischem Stil vollendet, und sie waren als Wasserwerke eine der wenigen Gebäude, die das Grosse Feuer überstanden: ‘The night crew at the Waterworks was on alert, guarding every exposed part of the building. The water-storage tower was only slightly damaged…’ (Donald L. Miller, City of the Century, New York 1997, Seite 153)

Zu verdanken war diese Rettung Frank Trautmann, der das Chicagoer Wahrzeichen an der Michigan Avenue eigenhändig vor dem Feuer bewahrte. Trautmann war 1825 in New York angekommen, wo er für Rau and Company auf dem ersten ozean-gängigen Dampfer arbeitete. Später ließ er sich in Chicago nieder und war dort 40 Jahre lang als Chef-Ingenieur für die städtischen Wasserwerke tätig.
Als am 8. Oktober 1871 die Flammen seine Pumpstation bedrohten, deckte Trautmann mit seinen Assistenten das Gebäude mit nassen Wolldecken und alten Segeltüchern ab. Mit Wasser von Lake Michigan hielten sie die Abdeckung feucht, und nach zwei Tagen war Trautmann in der Lage, die Wasserversorgung der bedrängten Stadt wiederherzustellen.

So, wie die Geschichte der Stadt in die Zeit vor und nach dem Grossen Feuer eingeteilt wird, kann auch der Einfluss der Deutsch-Amerikaner auf Chicago historisch eingeordnet werden: Wichtige Ereignisse und Persönlichkeiten werden auf einer Zeitleiste sicht- und recherchierbar. So wird beispielsweise Herman Joseph Berghoff zu erwähnen sein, der 1898 die Türen seines Kaffees als Dortmunder Bierstube öffnete. Die Gaststätte verkaufte Bier für einen Nickel mit gratis Sandwiches.

Bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges – aus amerikanischer Wahrnehmung bis 1917 also – waren die Deutschen nicht nur sehr präsent, sondern „zum bevorzugten Adoptivsohn von Onkel Sam geworden.“ (Holli, S. 103). Während der beiden Kriege und der Zwischenkriegszeit sollten sich die Dinge allerdings dramatisch ändern. Was sich nach 1945 in der Wahrnehmung der amerikanischen Öffentlichkeit hinsichtlich des deutschen Einflusses veränderte, ist weithin nicht mehr Gegenstand konkreter Untersuchungen und offen für Spekulationen. Die Frage, ob das deutsche Profil weiterhin unscheinbar bleibt, lässt sich am besten durch regionale Studien entscheiden.

Aber wie steht es um die anderen Regionen des Mittleren Westens?

Recherchen zur deutschen Präsenz gibt es in mehreren der dreizehn Staaten, und diese erstrecken sich auf das Gebiet westlich vom Mississippi bis zum Ohio.

In Illinois haben sich sogar die Erziehungsbehörden des Themas angenommen:
1.Finding German Town’ ist ein Collaboratory Project des Erziehungsministeriums von Illinois – Schüler sollen ein größeres Verständnis für Einwanderung als Prozess in der Amerikanischen Geschichte entwickeln: durch unmittelbare Kontakte, Internet Recherchen, Auswertung von Informationen, Umfragen und schriftliche Darstellung (http://collaboratory.nunet.net/cwebdocs/)
2. Der ‚German Heritage Curriculum Guide’ soll die Ressourcen der Lehrer erweitern, wird vom Office of Language and Cultural Education (Chicago Public Schools) angeboten und als multikultureller Führer und Materialbörse für Schüler und Studenten dienen, die die Rolle der Deutschen in Chicagoland erforschen wollen. (http://www.olce.org/pages/home/multicultural_education/teacher_resources/)

Auch außerhalb der USA wird ebenfalls intensiv geforscht, so z.B. durch den Mainzer Historiker Helmut Schmahl: http://www.germanimmigrants.de/wimmigration.html

Dabei ist hilfreich, dass der Schwesterstaat von Wisconsin – ein Schwerpunkt der Schmalschen Arbeiten – Hessen ist, gerade ein paar Kilometer jenseits der Staatsgrenze von Mainz. Die Synergie, die durch den Zusammenschluss solcher Recherchen zu gewinnen wäre, ist noch weitgehend ungenutzt.
(Professor für Geschichte an der University of Illinois at Chicago; in seinem Beitrag: German American Ethnic and Cultural Identity from 1890 Onward, in: Holli and Jones (eds), Ethnic Chicago. A Multicultural Portrait, Grand Rapids, MI 1995, p. 93-109)