Vorwort

Historisch gesehen bedeutet “Spurensuche” das Aufspüren von Wirklichkeit vor Ort, die Geschichte von unten. Wenn das forschende Interesse hinzutritt, wird dem Inhalt die Methode zugeordnet. Vielleicht liegt hier das Erfolgsrezept des “Wettbewerbs Geschichte um den Preis des Bundespräsidenten”, in dem seit Beginn der 1980er Jahre ganze Schülergenerationen in Deutschland forschendes Lernen praktiziert haben.

Als sich gut 20 Jahre später Vertreter der deutschsprachigen Gemeinschaften in Chicago und Umland verabredeten, geeignete Stichworte zu einer Spurensuche vor Ort zusammen zu tragen, betraten sie in mehrfacher Hinsicht Neuland:
• Zum ersten Mal erarbeiteten Österreicher, Schweizer und Deutsche ein gemeinsames Thema zur ethnischen Präsenz in ihrem Arbeitsfeld, dem amerikanischen Mittleren Westen.
• Im Ansatz wird auch erstmalig der Versuch unternommen, weiße Flecken dieser Präsenz für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute zu erforschen.
• Und neu ist die gemeinsame Klammer, die vielleicht am Besten mit der Symbolik von Goethes “West-östlichem Divan” beschrieben ist - dem jeweiligen Beitrag dieser deutschsprachigen Gemeinschaften zum real-existierenden Multikulturalismus ihres Gastlandes.

So ist bereits die Funktion dieser Publikation benannt. Sie soll als Leitfaden für die weitere Erforschung der jeweils wirksamen Perspektiven und Impulse dienen, die von den deutschsprachigen Gemeinschaften ausgingen und von ihnen weiterhin zu
erwarten sind. Damit sollen Fenster geöffnet, Fragen gestellt, und Wege zum besseren gegenseitigen Verständnis unterschiedlicher kultureller Hintergründe aufgezeigt werden.

Gleichermaßen differenziert wird die Zielgruppe für diese Spurensuche gesehen. Touristen mit Interesse am eigenen oder dem anderen ethnischen Hintergrund, Kulturschaffende, die sich diesem Kontext zurechnen und vor allem Schüler und Lehrer, die neue authentische Lernorte in das Curriculum des deutschen Sprachprogramms ihrer eigenen Schule integrieren möchten.

In den 20 ausgewählten Stichworten geht es darum, Geschichten mit österreichischem, schweizerischem oder deutschem Hintergrund zu erzählen, die jeweils landesspezifisch gekennzeichnet einen roten Faden in sechs aufeinander folgenden Kapiteln verfolgen:

• Ausgangspunkt ist das Einwandern und Bleiben der Menschen aus dem deutschsprachigen Europa nach dem Zweiten Weltkrieg (Wandern und Bleiben)
• Im Mittelpunkt stehen erfolgreich praktizierte Dialoge von Künstlern (Dialoge), weitere Beteiligte an kulturellen Gesprächen und bekannte Persönlichkeiten (Personen). Die leichtere Seite des Seins in Architektur und angewandter Kunst (Architektur und Kunst sowie
• beliebte Spezialitäten der Herkunftsländer kommen auch nicht zu kurz (Spezialitäten).
• Traditionen der ursprünglichen deutschsprachigen Länder sind und bleiben auch
in diesem Land von Bedeutung, so wie z. B. die Lipizzaner Zucht, die Literatur des
“Wilden Westens” oder die Geschichte der Arbeiterbewegung (Traditionen und
Literatur).
• Unverzichtbar dabei bleiben der kulturelle und professionelle Austausch, wie beispielsweise in den Städtepartnerschaften zwischen Chicago, Hamburg und Luzern.

Wenn aufmerksame LeserInnen feststellen, dass die ihnen nahestehenden Stichworte zu kurz oder überhaupt nicht vorkommen, ist die zu Grunde liegende Intention dieser Spurensuche im Sinne des Wortes erreicht - denn der hier vorgelegte Leitfaden soll die Beschäftigung mit neuen Perspektiven in dieser spannenden und schönen Region erst eigentlich anregen und befördern.

“Spurensuche” wird mit der Unterstützung der Vereine des Deutsch Amerikanischen National Kongresses und seiner National Präsidentin, Christa Garcia herausgegeben; ebenfalls federführend war Josef Stein, Präsident der American Aid Society of German Descendants. Dank gebührt dem German American Education Fund (GAEF) und seinen DirektorInnen für die Finanzierung des Titelumschlags. Die Generalkonsulate von Deutschland, Österreich und der Schweiz haben diese Publikation maßgebend ermöglicht, ebenso wie die benannten Sponsoren. Die Autoren der 20 Stichworte sind - in der Zuordnung der Beitrage:

Rolf Achilles
Gerald Franks
Claudia Hunziker Keller
Jerome Kavka
Elisabeth Kehrer und Gernot Wiedner
Bernd Klewitz
Joseph Stein
Ingrid Zeller
Historical Adviser: Professor Leo Schelbert